Nachgefragt: Zur Lage der Flüssiggasbranche
Die Flüssiggasbranche in Europa hat im Moment verstärkt mit Gegenwind zu kämpfen. Wir sprachen mit Frau Mag. Ulrike Andres, der Geschäftsführerin des Österreichischen Verbandes für Flüssiggas (ÖVFG) über die politischen Rahmenbedingungen.
Mag. Ulrike Andres ist seit Oktober 2021 Geschäftsführerin des ÖVFG (Österreichischer Verband für Flüssiggas). Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien startete die Österreicherin eine internationale Karriere im Energiebereich (Flüssiggas, Pipeline Management), mit Positionen in England, Frankreich, Tschechien, Brasilien, Holland, Italien, Österreich und in der Schweiz. Dadurch verfügt sie über hervorragende Kenntnisse anderer Energiemärkte, Sprachen und Kulturen. 2009 wurde sie zur ersten weiblichen Präsidentin des europäischen Flüssiggasverbandes AEGPL gewählt. (Bild: Redaktion)
FLÜSSIGGAS: Frau Andres, mit über 30 Jahren Erfahrung im Flüssiggasbereich sind Sie eine ausgewiesene Kennerin der Branche. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage der europäischen Flüssiggasbranche ein?
Ulrike Andres: Unsere Branche hat neue strategische Ansätze entwickelt, um aktiv an der Energiewende mitzuarbeiten. In den nächsten 20 Jahren werden wir schrittweise alle fossilen Moleküle durch erneuerbare biogene Moleküle ersetzen müssen. Das ist eine große Herausforderung für die Flüssiggasbranche, die in diesem Unterfangen eine Gleichstellung mit Erdgas fordert. Unsere Energie weist sehr viele Vorteile auf, die sie positiv von anderen Energieträgern unterscheidet. Gerade jetzt schätzen viele Kunden die Netzunabhängigkeit und die Möglichkeit, einen eigenen Energievorrat bei sich zu Hause zu haben. Unser Flüssiggas kommt aus vielen verschiedenen Quellen, und daher sind keine Engpässe oder Abhängigkeiten zu befürchten. Nicht nur Haushalte, auch viele Industriekunden haben neues Interesse an einer Flüssiggasanlage gezeigt, unter anderem auch als Back-Up zur Sicherung der eigenen Energieversorgung. Der hohe Energiegehalt, die emissionsarme Verbrennung und die räumliche Flexibilität sind die typischen Merkmale, die uns von anderen Energien unterscheidet.
FLÜSSIGGAS: Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden (EPBD), Ökodesign und Energiekennzeichnung, Richtlinie über erneuerbare Energien (RED III) und Euro 7 – der Großteil unserer Gesetze hat ihren Ursprung in EU-Richtlinien. Kann die Lobby der Flüssiggasbranche auf EU-Ebene ihren Einfluss ausreichend geltend machen?
Ulrike Andres: Liquid Gas Europe, die Interessensvertretung der europäischen Flüssiggasindustrie, hat ein starkes Team erfahrener Kommunikationsexperten in Brüssel und koordiniert die Aktivitäten mit den einzelnen nationalen Verbänden in den Mitgliedsländern.
FLÜSSIGGAS: Glauben Sie, dass alle Abgeordneten des Europaparlaments LPG von LNG unterscheiden können? Falls nicht: Was kann man dagegen tun?
Ulrike Andres: Also da sagt mir meine Erfahrung, dass weiterhin Aufklärungsarbeit von Nöten ist – nicht nur im Europäischen Parlament, sondern auch in den meisten einzelnen Mitgliedsstaaten. Wir bemühen uns alle sehr, die Unterschiede von verflüssigtem Erdgas, oder auch Flüssigerdgas genannt, und dem traditionellen Flüssiggas, nämlich Propan und Butan und deren Gemische, immer wieder klar darzustellen. Es werden größere Mengen beider Gase per Schiff nach Europa gebracht, allerdings kann unser Flüssiggas ohne aufwendige Regasifizierung und ohne fixe Hochdruckleitungen einfach weitertransportiert werden, per Eisenbahn- Kesselwagen oder LKW, bis zu den Endkunden oder Flaschenfüllwerken.
FLÜSSIGGAS: Von der EU-Richtlinie zur Umsetzung auf nationaler Ebene ist es ein steiniger Weg. Das haben wir in Deutschland gerade wieder mit der GEG-Novelle erlebt, die am 8. September beschlossen wurde. In Österreich verzögert sich die Umsetzung des Österreichischen Erneuerbare-Wärme-Gesetzes (EWG) weiter. Laut neuesten Meldungen will die ÖVP neu verhandeln. Was steckt dahinter? Können Sie uns bitte die Problematik erläutern?
Ulrike Andres: In Österreich benötigen wir für den Beschluss dieses Gesetzesentwurfs eine 2/3-Mehrheit im Parlament, da der Bund bei der Umsetzung in die Kompetenzen der Bundesländer eingreift. Es gibt Bedenken hinsichtlich der sozialen Verträglichkeit des geplanten verpflichtenden Abbaus von Heizöl und Gasheizungen, der je nach Alter der Anlagen in den kommenden Jahren durchgeführt werden muss. Viele ländliche Haushalte können die hohen Umstellungskosten nicht finanzieren, auch bedingt durch die zusätzlichen baulichen Maßnahmen, die dabei erforderlich sind – Isolierungen, Einbau von Fußbodenheizungen, usw. In den Städten sind die Fernwärmeangebote auch noch nicht ausreichend verfügbar und werden zum Teil noch mit fossilen Energien erzeugt.
FLÜSSIGGAS: Hat der ÖVFG noch Möglichkeiten, den Gesetzesentwurf im Sinne der Flüssiggasunternehmen, ihrer Partner und Kunden zu beeinflussen?
Ulrike Andres: Wir setzen uns vehement für eine Gleichstellung mit Erdgas ein, sowohl hinsichtlich der Fristen (2040 statt 2025), der erlaubten Weiterverwendung der Anlagen auch in Zukunft mit grünem Flüssiggas, und gegen verpflichtende Abbaumaßnahmen. Unsere Stellungnahme auf der Homepage des österreichischen Parlaments hat große Aufmerksamkeit und Unterstützung erreicht.
FLÜSSIGGAS: Viele Klimaaktivisten würden Flüssiggas am liebsten ganz verbieten. Was spricht dagegen?
Ulrike Andres: Grünes Flüssiggas ist Teil der Energiewende. Unsere Kunden schätzen die vielen Vorteile und Flexibilität, die Flüssiggas bietet. Es gibt keinen Grund, es zu verbieten. Ein Verbot würde volkswirtschaftlichen Schaden verursachen, im Sinne von vermeidbaren Umstellungskosten auf andere Energien. Und – woher sollten wir denn in Zukunft sauberes Gas zum Grillen bekommen?
FLÜSSIGGAS: Der Flüssiggasmarkt und die Anliegen der Flüssiggasindustrie werden zunehmend globaler. Im November findet in Rom die LPG Week statt, das gemeinsame Jahrestreffen des europäischen Flüssiggasverbandes Liquidgas Europe und des Weltverbandes World LPG Association (35. World LPG Forum). Was erhoffen Sie sich von der Veranstaltung?
Ulrike Andres: Der Austausch von Erfahrungen auf internationaler Ebene ist sehr wertvoll für die Mitglieder der Flüssigasbranche. Wir stehen alle vor ähnlichen Herausforderungen. Da hilft es sehr, sich gegenseitig durch Ideen, Erfahrungen und neue Lösungsansätze zu unterstützen. Die LPG Week bietet heuer ein sehr interessantes Programm, mit Vorträgen, Workshops, Panel Diskussionen und den Möglichkeiten eines ungezwungenen Austausches mit Kollegen und anderen Mitgliedern unserer Branche.
FLÜSSIGGAS: Wird der Flüssiggasbranche die Energiewende Ihrer Meinung nach gelingen? Kann sie es schaffen, rechtzeitig biogenes Flüssiggas bzw. adäquaten Ersatz (rDME) in ausreichender Menge und zu wettbewerbsfähigen Preisen in den Markt zu bringen?
Ulrike Andres: Es sind massive Investitionen in den Ausbau der Produktionsstätten von biogenem Flüssiggas und rDME geplant, sowohl in einigen europäischen Ländern als auch in Nordamerika. Ich erwarte, dass unsere Branche die Energiewende erfolgreich bewältigen wird. Man sieht ja oft, dass nach anfänglichen Anlaufschwierigkeiten große Fortschritte gemacht werden.
FLÜSSIGGAS: Frau Andres, herzlichen Dank für das informative Gespräch. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg für Ihre Arbeit.
