Herbstarbeitstagung in Potsdam mit erstklassigen Vorträgen - Viel Licht und etwas Schatten über der Flüssiggaswirtschaft
Mit Potsdam wurde in diesem Jahr ein besonders geschichtsträchtiger Ort für die Herbstarbeitstagung ausgewählt. Im Seminaris Seehotel, nicht weit entfernt von den Schlössern und Kasernen der Hohenzollern, ging DVFG-Vorstandsvorsitzender Hanns Richard Hareiner auf die aktuellen Themen der Flüssiggaswirtschaft ein. Fragen der Energieeffizienz standen dabei ebenso im Mittelpunkt wie die Entwicklung im Autogas-Markt und die Energiepolitik der Bundesregierung.
In seinem Eingangsreferat zur Mitgliederversammlung ging Hareiner auf die Eigenschaften von Flüssiggas ein und stellte sie in den Zusammenhang mit den Plänen und Gesetzesinitiativen der Bundesregierung. Ziel der Staatsministerien sei es, die Energieeffizienz weiter zu verbessern und die Erneuerbaren Energien zu fördern und weiterzuentwickeln. Flüssiggas habe hier, so der Vorsitzende, beste Fähigkeiten. Bereits in den vergangenen Jahren sei die spezifische Abnahme pro Verbrauchseinheit witterungsbedingt deutlich zurückgegangen. Weitere Reserven ließen sich über die Anwendungstechnik erschließen. Auch mit Blick auf die Kompatibilität zu Regenerativen Energien sei Flüssiggas bestens geeignet. Gerade in Kombination mit Solarenergie könne die Energie ihre Synergie-Effekte klar ausspielen. Darum habe sich diese Kombination zu einem hervorragenden Geschäftsmodell entwickelt.
Hareiner ging auch gezielt auf die Absatz- und Umsatzzahlen des vergangenen Jahres ein. Insgesamt habe der Energieverbrauch in Deutschland im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahr um 3% zugenommen. Ursachen hierfür waren die kühlere Witterung, konjunkturelle Einflüsse aber auch der niedrige Vorjahresverbrauch.
Der Verbrauch von leichtem Heizöl (HEL) sank in 2007 gegenüber 2006 um 35%, während es – ausgehend von diesem niedrigen Niveau – einen Anstieg im ersten Halbjahr 2008 um 20,6% im Vergleich zum ersten Halbjahr 2007 gegeben hat. Diesen positiven Trend konnten die Ottokraftstoffe nicht mittragen. Hier ergab sich ein Absinken beim Verbrauch um 4,3% (2007) gegenüber dem Vorjahr. Im Vergleich der Zeiträume 1. Halbjahr 2008 mit 1. Halbjahr 2007 gab es ein weiteres Abflauen des Verbrauches um 3,8%. Lediglich beim Dieselkraftstoff verstärkte sich der leicht positive Anstieg von 2007 gegenüber 2008, der 1% betrug, weiter. Er stieg im ersten Halbjahr 2008 gegenüber dem ersten Halbjahr 2007 auf 4,7%.
Zu diesen allgemeinen Verbrauchszahlen gesellten sich die positiven Daten aus der Flüssiggaswirtschaft. Der Gesamtabsatz im Jahr 2007 von 1.495.000 t an Flüssiggas für die Energieversorgung verringerte sich um 3,5% gegenüber dem Vorjahr. Für das erste Halbjahr 2008 lag der Stand bei 915954 t, was ein Plus von 32,9% gegenüber dem Vergleichs-Halbjahr in 2007 bedeutete. Beim immer noch wichtigsten Bereich HUK/Wärme mussten die DVFG-Firmen mit 794.599 t 2007 im Vergleich zum Vorjahr einen witterungsbedingten Einbruch von 14,9% verkraften.
Allerdings die Zahlen für das erste Halbjahr 2008 zeigen einen Aufwärtstrend. Mit 458.861 t (1. Halbjahr 2008) gab es einen Anstieg im Absatz im Vergleich zum Vorhalbjahreszeitraum von 23,3%. Den ganz großen Lichtblick markiert aber das Autogas. Hier gab es mit 153.498 t 2007 gegenüber 2006 einen überdurchschnittlichen Anstieg von 76,6%. Das aber scheint nicht das Ende der Fahnenstange zu sein. Mit 99513 t in den ersten 6 Monaten dieses Jahres wurde ein Anstieg von 59,0% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum erzielt.
Hareiner wies darauf hin, dass das Wirtschaftswachstum in Deutschland nach jüngsten Prognosen der Bundesregierung nur noch 1,2% (Anm. d. Red.: aktuell geht die Bundesregierung von einem Null-Wachstum aus) in diesem Jahr betragen wird.
Positiv merkte Hareiner an, dass die Investitionstätigkeit seit 2006 steige und eine insgesamt positive Gesamtentwicklung beim Wohnungsbau zu verzeichnen sei. Trotz Wegfall der Eigenheimzulage sei von 2007 im Vergleich zu 2006 ein Plus von 8,3% und von 2007 zu 2008 3,1% erzielt worden. Allerdings mache der anhaltende Trend zur Verringerung des Energieverbrauchs, ausgelöst durch hohe Energiepreise, staatliche Auflagen, bessere Technologien und den Bevölkerungsrückgang auch dem Flüssiggasabsatz zu schaffen. Gewollt sind seitens der Regierung weitere Einsparungen auf Basis der Umsetzung der EU-Energiedienstleistungsrichtlinie und der Energieeinsparverordnung (EnEV), die auf eine 30%ige Reduzierung der Primärenergie bei Gebäuden ausgerichtet ist.
Das Ziel der Bundesregierung, den Anteil Erneuerbarer Energien bis 2010 auf 4,2% und bis 2020 auf 10% zu steigern, könnte zulasten des Alternativenergieträgers gehen, betonte Hareiner. Denn perspektivisch gesehen, gebe es einen „schrumpfenden Umweltvorteil von Flüssiggas gegenüber neueren Energien“.
Weitere Gesetzesinitiativen wie das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz EEWärmeG seien in der Pipeline. Hier sei Vorsicht geboten, dass dieses Rechtsvorhaben nicht – ebenso wie das Energie-Wirtschaftsgesetz (EnWG) – zu einer „Bedrohung für die Branche“ werde. Denn schon das EnWG ging „überhaupt nicht auf die Bedürfnisse der Flüssiggaswirtschaft“ ein. Diese Nichtbeachtung solle bei der anstehenden Novelle des Gesetzes negiert werden, so sein geäußerter Wunsch. Hier markierte Hareiner auch den Zeitplan: „Wir wollen eine Verbesserung erreichen. Wir stehen da unter Zeitdruck.“
Hareiner ging nochmals auf die besonders positive Entwicklung beim Autogas ein. Hier lag der Absatz der DVFG-Mitgliedsfirmen 2006 noch bei 86917 t. Bereits ein Jahr später wurde ein Absatz von 153.500 t erzielt und für 2008 erwarte man, so Hareiner, den Verkauf von 200.000 t. Das wäre dann eine Steigerung von 30% gegenüber dem Vorjahr und der Anteil am Gesamtflüssiggasabsatz wird dann bei 14% liegen. Dies dürfte dann der zweitwichtigste Posten nach dem Absatz im Wärmemarkt sein.
Allerdings überschatten gewisse Unwägbarkeiten die weitere Entwicklung. So sei noch völlig unklar, wie sich das Emissionsverhalten auf Basis verbesserter Technik für die konventionellen Kraftstoffe in Zukunft entwickeln werde. Ebenso unklar sei, wie Autogas bei der kommenden Umstellung der Kfz-Steuer auf CO2-Basis berücksichtigt wird. Ebenso ungeklärt ist noch, wie sich der Bereich der umgerüsteten Busse und Lkws entwickeln wird. Aber auch der Mangel an OEM-Fahrzeugen und die Qualität der Umrüstungen setze dem Absatz gewisse Schranken.
Zumindest bei Letzterem zeichne sich zusammen mit anderen Verbänden eine Lösung bei der Zertifizierung von Werkstätten ab.
Kernelemente der Tagung waren natürlich die hervorragenden Vorträge, die sich mit aktuellen Fragestellungen der Flüssiggaswirtschaft befassten. Eines dieser Referate bestand aus den Ausführungen von Dr. Reinhard Rauch von der Technischen Universität Wien (Institut für Verfahrenstechnik, Umwelttechnik und technische Biowissenschaften).
Das von ihm mitbetreute innovative Biomasse-Kraftwerk in der nahe Wien liegenden Kleinstadt Güssing produziert per Fischer-Tropsch-Verfahren u.a. auch biologisch erzeugtes Propan. Insgesamt, so führte er aus, sei es möglich, durch die Anwendung technisch komplexer anspruchsvoller Verfahren die Stadt völlig autark mit Energie zu versorgen. In der Gasifizierung von Biomasse falle dann das für die Flüssiggaswirtschaft so interessante Bio-Propan an.
Biomasse-Kraftwerk produziert Bio-Propan
Das Biomasse-Kraftwerk in Güssing, das im Dauerbetrieb rund um die Uhr läuft, nutze, so Rauch, stündlich 2,5 t Hackschnitzel aus den umliegenden Wäldern, um daraus 2 MW elektrische Energie und 5 MW Fernwärme zu produzieren. Die technische Besonderheit des Biomasse-Kraftwerks sei ein Wirbelschicht-Dampf-Vergaser.
Unter Zuführung von Dampf wird hier bei etwa 850°C die Biomasse vergast. Dieses Gas sei ein schadstoffarmes Produkt mit hohem Heizwert. Die gesamte Anlage, so Rauch, arbeite äußerst effizient.
So betrage der Gesamtwirkungsgrad, inklusive Strom und Wärme, beachtliche 85%.
Aus dem Biomasse-Gas lasse sich aber nicht nur Strom und Wärme gewinnen. Das Institut für Verfahrens-, Umwelttechnik und technische Biowissenschaften der Technischen Universität Wien betreibe auf dem Gelände des Kraftwerks nämlich noch eine Forschungsanlage, die aus dem Gas Treibstoffe gewinnt. In unscheinbaren Containern sei hier die moderne Fischer-Tropsch-Anlage für Forschungsprojekte installiert. Aus dem durch die Dampf-Vergasung entstandenen Bio-Gas werden in dieser Anlage flüssige Kohlenwasserstoffe gewonnen.
Der Anteil Erneuerbarer Energie an der kommunalen Energie-Bilanz liege inzwischen bei 100%. Für diese Energieautarkie werden nur 16000 ha Wald und 21000 ha Acker, also eine Gesamtfläche von 37000 ha benötigt.
Das Energiekonzept für Güssing habe aber noch ganz andere Effekte nach sich gezogen, betonte Rauch vor dem Auditorium. In dem ehemals strukturschwachen Gebiet seien neue Wirtschaftseinheiten entstanden. Denn in der Folge der Energieautarkie hätten sich über 50 neue Betriebe mit mehr als 1000 neuen Beschäftigten angesiedelt. Zudem habe ein regelrechter Energie-Tourismus eingesetzt, bei dem mehrere Gruppen pro Woche – unter anderem aus den USA, Kanada und Brasilien – durch das Gelände geführt werden. Durch die Eigenversorgung mit erneuerbaren Energieträgern werde zudem nach Berechnungen der Stadt Güssing jährlich eine Wertschöpfung von rund 37 Mio. Euro erzielt.
In einem anderen Vortrag ging Dr. Hermann Dinkler vom VdTÜV Berlin auf die neuen Anforderungen an Flüssiggas-Tankstellen ein. Dinkler skizzierte die aktuellen Entwicklungen. Hintergrund neuer Bestimmungen sei die Erkenntnis in 2003 gewesen, dass die veraltete TRG 404 (Stand April 2003) nicht mehr den Anforderungen des vor dem Boom stehenden Autogas-Tankstellenmarktes standhält. Die Überarbeitung wurde darum vom DBD beschlossen und 2005 startete schließlich der DVFG mit den Ländern und den TÜVs eine Initiative, die in der Erarbeitung des VdTÜV-Merkblattes 513 mündete. Die rechtlichen Grundlagen für diese Überarbeitung lieferte Par. 1 Abs. 2 Satz Nr. 1 BetrSichV („Druckbehälter mit Druckgeräten im Sinne RL 97/23/EG sind überwachungsbedürftige Anlagen“) und Par. 2 Abs. 12 BetrSichV.
Zur Erstellung des Blattes wurden damals aber auch Erkenntnisse zum Stand der Technik aus mehreren Technischen Regeln gezogen (z.B. TRBS, TRG, TRB, TRbF) und aus mehreren „Handlungshilfen“. Die Abstimmung des VdTÜV-Merkblattes 513 erfolgte letztlich mit dem DVFG, dem LASI (Länderausschuss für Arbeitsschutz und Sicherheitstechnik) und dem MWV (Mineralölwirtschaftsverband e.V.). Die erste Ausgabe des Blattes erfolgte dann zum August 2008. Allerdings handelte sich das Dokument schnell große Kritik von mehreren Seiten ein. Das Problem war hier von Anfang an, dass das Merkblatt sehr offen gehalten war und dadurch ein hoher Freiheits- und Verantwortungsgrad den Planern (Tankstellengesellschaften), den Investoren (Flüssiggaswirtschaft) und den Genehmigungsbehörden gegeben wurde.
Darum begannen die Behörden und der Verband im Frühjahr 2007 mit der Überarbeitung des Merkblattes, der Abschluss der Beratungen war im April dieses Jahres. Eine Veröffentlichung erfolgte dann in diesem September.
In das Merkblatt integriert ist
• TRG 400 „Füllanlagen – Allgemeine Bestimmungen für Füllanlagen“,
• TRG 401 „Füllanlagen – Errichten von Füllanlagen“,
• TRG (Technische Regel Druckgase) 402 „Füllanlagen – Betreiben von Füllanlagen“,
• Überarbeitung der TRG 404 „Flüssiggastankstellen“ (insbesondere Betrieb ohne Beaufsichtigung – BoB).
Ergänzend zum Merkblatt sind aber noch weitere Vorschriften zu berücksichtigen:
• TRB (Technische Regeln Druckgasbehälter) 600 „Aufstellung der Druckbehälter“,
• TRB 610 „Aufstellung von Druckbehältern zum Lagern von Gasen“,
• TRB 700 „Betrieb von Druckbehältern“,
• TRB 801 Nr. 25 Anlage „Flüssiggaslagerbehälteranlagen“,
• nicht tankstellenspezifische Anforderungen sind zusätzlich zu berücksichtigen (TRbF 40 „Tankstellen“) (TRbF = Technische Regeln für brennbare Flüssigkeiten).
Im Merkblatt sind auch die zentralen Begriffe aufgeschlüsselt, u.a. auch, wo die Tanks unterirdisch und oberirdisch errichtet bzw. nicht errichtet werden dürfen.
Es ist auch geregelt, wie groß die Schutzabstände für einen ausreichenden Brandschutz sein müssen, durch wen die Abstände und wie geprüft werden müssen, welche Sicherheitsvorkehrungen um die Zapfsäule („Abgabestelle“) getroffen werden müssen, welche Schutzmechanismen bei Beschädigung greifen müssen usw.
Auch die Bedingungen für den „Betrieb ohne Beaufsichtigung“ sind in dem Merkblatt geregelt. So muss beispielsweise in diesem Fall eine Gegensprechverbindung zu einer ständig besetzten Stelle (Betreiber, Fachbetrieb) gelegt und aktiv sein.
Aber auch der Betrieb wird hier geregelt. So muss es u.a. eine „betriebstägliche Kontrolle“ geben, ebenso muss feststehen, wie eine Füllanweisung und die Prüfung der Füllschläuche gemäß TRG 402 erfolgt.
Dinkler verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass die alte TRbF 40 in die neue anlagenbezogene TRBS einfließen wird. In dieser sind alle Kraftstoffe (Ausnahme: Wasserstoff) geregelt, zudem wird das Merkblatt 513 hier eingebracht. An der Arbeit an diesem neuen Regelwerk beteiligte sich der DVFG seit Beginn der Beratungen im April 2008.
Allerdings, so bemerkten einige Teilnehmer aus der Flüssiggaswirtschaft auf der Tagung, bestehe die Gefahr, dass durch neue übertriebene Schutzbestimmungen an und um viele Tankanlagen herum bald bauliche Maßnahmen erforderlich werden könnten, die beträchtliche zusätzliche Kosten verursachen würden. Sollte es jedoch nicht zu einem Abschluss der Beratungsarbeiten kommen, wäre noch eine TRbF 40 als LASI-Veröffentlichung oder als VdTÜV-Merkblatt möglich, so Dinkler.
Ein weiterer Vortrag an diesem Tag behandelte die „neue TPED im Kontext zu RID/ADR 2009/2011“. Zu diesem Thema bezog Gregor Oberreuter vom BMVBS (Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung) in Bonn Stellung.
