Flüssiggasanlage für eine Geotextilfabrik
Sonne, Sand und Wärme – was nach den wichtigsten Bestandteilen für einen gelungenen Urlaub klingt, entpuppte sich bei der Montage einer Flüssiggasversorgungsanlage in Saudi-Arabien als die widrigen Umstände, mit denen das Team der Scharr Tec zu kämpfen hatte.
Ende des Jahres 2011 hatten die Stuttgarter Ingenieure eine Anfrage für ein neues Werk der Firma Mattex in Al Jubail, Saudi-Arabien, erhalten. Dort sollen künftig Geotextilien hergestellt und die Produktionsanlagen mit LPG betrieben werden. Während das Angebot und die Planung routinemäßig abliefen, brachte die Montage neue Erkenntnisse für das Arbeiten im Nahen Osten.
Nachdem die Leistungsdaten der Anlage abgeklärt waren, stellte sich die Frage, nach welchem Regelwerk die Anlagenkomponenten geliefert werden sollten. Da in Saudi-Arabien kein eigenes Regelwerk für Flüssig- gasanlagen existiert, wird im Allgemeinen nach amerikanischem Standard gebaut. Die „NFPA 58“ ist quasi die Basis der Auslegung. Genehmigung, Abnahme und auch der Flüssiggasvertrieb sind in Saudi-Arabien in der Hand einer halbstaatlichen Firma, der GASCO. Nach ersten Gesprächen mit den zuständigen Ingenieuren wurde vereinbart, dass auch das europäische Regelwerk, also die Druckgeräte-Richtlinie (PED), für die Auslegung und den Bau angewandt werden kann.
Wenige Wochen später wurde der Vertrag in Jeddah unterzeichnet und mit der Detailplanung begonnen. Die Auslegung der Druckgeräte erfolgte nach der PED, die Ausrüstung der Behälter und Verdampfer in Anlehnung an die TRB 801 Nr. 25, mit einem wichtigen Unterschied: Die Ingenieure von GASCO konnten nicht von einer erdgedeckten Lagerung der Behälter überzeugt werden – deshalb wurden die beiden Behälter mit je 62 000 l Nenninhalt mit Sonnenschutzdach und Berieselungsanlage geplant. Die Auslegungstemperatur musste auf mindestens 50°C erhöht werden. Da Sattelzüge der GASCO nicht mit Pumpen ausgerüstet sind, musste zudem an jeder Großanlage ein Kompressor zur Entladung der Tankfahrzeuge installiert werden.
Die wesentlichen Bestandteile wurden in Stuttgart vorgefertigt, seefest verpackt und verschifft. Dabei wurde mehrfach überprüft, dass auch wirklich alle Kleinteile dabei waren und kein Schräubchen fehlte.
Die für März und April geplante Montage verschob sich mehrfach, da die Bauleistungen nicht pünktlich abgeschlossen wurden. Endlich war es so weit. Ende Juli sollten die Monteure loslegen; Ende September wollte man mit der Inbetriebnahme der Öfen beginnen. Doch schon nach wenigen Tagen war klar, dass auch die motiviertesten Mitarbeiter bei 55°C keine Montage im Freien ausführen können. Erschwerend kam der Anbruch des Fastenmonats Ramadan hinzu – das Leben in Saudi-Arabien ent- schleunigte sich von Tag zu Tag. So wurde der erste Einsatz nach knapp einer Woche abgebrochen. Dies stellte für den Auftraggeber insofern kein Problem dar, als sich mittlerweile gezeigt hatte, dass an eine pünktliche Inbetriebnahme nicht mehr zu denken war. So konnte man in aller Ruhe die kühlere Jahreszeit Ende Oktober abwarten, um die Anlage bei – angesichts des Stuttgarter Wetters – angenehmen 30°C fertigzustellen.
Es ist Anfang Dezember. Gespannt warten die Mitarbeiter von Scharr Tec auf die Ingenieure der GASCO, die die Anlage abnehmen sollen. Man war mit der kompletten Dokumentation angereist, was 27 kg Übergepäck bedeutete. Während diese allerdings wenig Beachtung findet, ist der Prüfer deutlich interessierter an der Anlagentechnik und besonders von der Überfüllsicherung und dem Not-Aus-System mit Gaswarnanlage begeistert. Die von den Stuttgarter Ingenieuren konzipierte und realisierte Flüssiggasversorgung wird nicht nur ohne einen Mangel abgenommen, sondern auch als Musteranlage für zukünftige Projekte deklariert. Die Erstbefüllung und die Inbetriebnahme der Verdampfer und der Staplertankstelle erfolgen Anfang Januar – innerhalb eines Tages.
Obwohl sich der wirtschaftliche Erfolg bei diesem Projekt in Grenzen hielt, konnte die Scharr-Tec doch wichtige Erfahrung in einem neuen Markt sammeln. Mit dem Wissen über Einreisebestimmungen, Verzollung, SASO-Zertifikate und auch über Land und Leute – und ihre Arbeitsweise – werden die anstehenden Projekte sicher deutlich schneller und mit weniger Problemen durchgeführt werden können. Denn mit dem Projekt „Mattex“ hat das Stuttgarter Unternehmen eine Referenzanlage erstellt, die die Türen für weitere Projekte in Saudi-Arabien weit öffnete: So erhielt die Scharr Tec kürzlich einen Auftrag im Hafen von Al Jubail und darf auch die komplette Flüssiggasversorgung der neuen „King Saud Girls University“ in Riad liefern.
